Kon­tem­pla­ti­ve Kommunikationstherapie

Hin­ter­grund und Ursprung

Die soge­nann­te Kon­tem­pla­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­ons­the­ra­pie wur­de in den 1950er/ 1960er von Charles Ber­ner (* 1927 – † 2007) – spä­ter auch als Yogeshwar Muni bekannt – in den USA begrün­det und entwickelt.

Zu Beginn sei­ner For­schung war es Ber­ners erklär­tes Ziel, die Per­sön­lich­keits­struk­tur eines Men­schen („Mind“) zu ergrün­den, um so Wege zu fin­den, sich von den (unbe­wuss­ten) Ein­flüs­sen des „Mind“ zu befrei­en. In die­sem Zusam­men­hang war es ihm beson­ders wich­tig, die Abläu­fe und reak­ti­ven Ver­hal­tens­mus­ter eines Men­schen zu ver­ste­hen. Im Zuge sei­ner Arbeit erforsch­te er die Struk­tu­ren und Mecha­nis­men des reak­ti­ven Ver­stan­des, und ent­wi­ckel­te dar­über hin­aus Metho­den zur Klä­rung eben jener Struk­tu­ren und Verhaltensmuster.

Eher zufäl­lig und eigent­lich unbe­ab­sich­tigt, stell­te Charles Ber­ner bei der Anwen­dung sei­ner Metho­den einen the­ra­peu­ti­schen Neben­ef­fekt fest. Eine klei­ne „Über­ra­schung“, denn ursprüng­lich hat­te er gar nicht vor­ge­habt, eine ande­re Art der Psy­cho­the­ra­pie zu entwickeln. Sei­ne neu­en Metho­den zur Klä­rung und Auf­lö­sung inne­rer Ver­stri­ckun­gen erwie­sen sich jedoch als sehr effek­tiv, und schie­nen grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen tat­säch­lich mög­lich zu machen.

In Deutsch­land hat Nan­na Micha­el die Arbeit von Charles Ber­ner in eine Form gebracht, die heu­te die Grund­la­ge der Aus­bil­dung in Kon­tem­pla­ti­ver Kom­mu­ni­ka­ti­ons­the­ra­pie („KKT“) bil­det. Das Fun­da­ment die­ser Arbeit sind Hand­bü­cher, die auf Mit­schnit­ten von Charles Ber­ners Aus­bil­dungs-Pro­gram­men für ange­hen­de Anwender*innen sei­ner Metho­den basie­ren. Er selbst hat zu Leb­zei­ten nichts zu die­sem The­ma veröffentlicht.

Zur Kom­mu­ni­ka­ti­on

Grund­la­ge der Kon­tem­pla­ti­ven Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die beson­de­re Art, wie sich zwei Men­schen begeg­nen. Dabei geht es um einen mög­lichst wert­frei­en und unmit­tel­ba­ren Kon­takt in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Um dies zu errei­chen muss eine offe­ne, neu­tra­le, empa­thi­sche (bedin­gungs­lo­se) inne­re Hal­tung „gefun­den“ und ein­ge­nom­men wer­den. Dabei gibt es Regeln, die hel­fen sol­len, in die­ser Hal­tung zu blei­ben, um somit einen „siche­ren Raum“ zu gewähr­leis­ten. Unter die­ser Vor­aus­set­zung soll durch das wahr­haf­ti­ge Mit­tei­len all des­sen, was im Inne­ren eines Men­schen vor­geht, Klar­heit, Ord­nung und Erkennt­nis über sich selbst und sei­ne Struk­tur erlangt wer­den. Grund­sätz­lich geht es dar­um, die Erfah­rung zu machen, voll­stän­dig ver­stan­den zu wer­den. Voll­stän­di­ges Ver­stan­den wer­den und Ver­ste­hen berüh­ren einen sehr tie­fen Kern im Men­schen. Es ermög­licht die Erfah­rung des Ange­nom­men seins, Ver­bun­den­heit und Voll­stän­dig­keit – kurz­um: Es ist die Grund­la­ge dafür, dass Bezie­hun­gen „tra­gen“ und Ver­trau­en wach­sen kann.

Kontempla…was?!

Kon­tem­pla­ti­on meint eine wert­freie und inter­es­sier­te (neu­gie­ri­ge) inne­re Erkun­dung. Das ist des­halb wich­tig, weil hier­durch eine neu­tra­le Wei­se der Selbst­er­fah­rung geför­dert wer­den soll. Die­se kann den Weg zur Selbst­er­kennt­nis ebnen.

Anstatt über ein belas­ten­des The­ma nach­zu­den­ken und es logisch ver­ste­hen zu wol­len, ist der/die Betref­fen­de auf­ge­for­dert, das The­ma zu kon­templie­ren. Das heißt, er/sie öff­net sich dem The­ma inner­lich und beob­ach­tet, was dazu auf­taucht und sicht­bar wird, ohne es über den logi­schen Ver­stand begrei­fen zu müs­sen. Es geht also gera­de nicht um die Mei­nung zu einer Sache, son­dern viel­mehr um das Ver­ständ­nis, wel­che (Aus-) Wir­kung die­se Sache im inne­ren Erle­ben und auf die eige­nen Hand­lun­gen hat.

Die Dya­de

Das Wort „Dya­de“ stammt aus dem alt­grie­chi­schen und bedeu­tet so viel wie „Zwei­heit“.

Ent­spre­chend sind in der Kon­tem­pla­ti­ven Kom­mu­ni­ka­ti­ons­the­ra­pie die Rol­len ganz klar auf den/ die „Therapeut*in“ und den/ die „Klient*in“ fest­ge­legt – eben­so wie der beson­de­re Rah­men, in dem die kon­tem­pla­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on statt­fin­det: Der Dyade.

So fin­det die Kom­mu­ni­ka­ti­on im Zwei­er- oder Zwie­ge­spräch statt, wobei die­sel­ben klar defi­nier­ten Abläu­fe und Regeln zu Grun­de lie­gen, die einen bestimm­ten Raum öff­nen und gewis­se Abläu­fe über­haupt erst mög­lich bzw. sicher­stel­len sol­len. Auch hier geht es vor allem um wert­frei­es, acht­sa­mes und respekt­vol­les Zuhö­ren und Mit­tei­len – frei von jeg­li­cher Inter­pre­ta­ti­on. Dabei wech­seln die bei­den Dya­den-Part­ner stän­dig ihre Rol­len: Vom Zuhö­ren­den zum Spre­chen­den und umgekehrt.

Zur Metho­de

Der Haupt­un­ter­schied die­ser Metho­de zu ande­ren the­ra­peu­ti­schen Ansät­zen ist eine ganz beson­de­re Sicht auf den Men­schen. Der Mensch wird mit sei­ner Per­sön­lich­keits­struk­tur nicht gleich­ge­setzt, auch nicht mit sei­nen Ver­hal­tens­mus­tern oder Pro­ble­men. Letz­te­res sind eher Vor­gän­ge, die im Men­schen ablau­fen. Der Mensch ist aber viel mehr als sei­ne inne­ren Vor­gän­ge und Mus­ter. Nach Charles Ber­ner kann man mit genü­gend Zeit, ein­zig durch Kom­mu­ni­ka­ti­on inner­halb des rich­ti­gen Rah­mens, alle inne­ren Ver­stri­ckun­gen klä­ren und lösen. Da dies aber sehr zeit­auf­wen­dig sein kann, hat Charles Ber­ner zu ganz bestimm­ten The­men zusätz­li­che Metho­den und Vor­ge­hens­wei­sen ent­wi­ckelt. Auf die­se Wei­se kann gezielt Klar­heit in eben jene Aspek­te gebracht wer­den. Die Metho­den sind spe­zi­ell so ange­legt, dass sie genau auf die „Ent­stri­ckung“ der Grund­ele­men­te des reak­ti­ven Ver­stan­des abzielen.

Das Ziel – Und wozu das Ganze?! 

Bei der Kon­tem­pla­ti­ven Kom­mu­ni­ka­ti­ons­the­ra­pie geht es in ers­ter Linie um eine Ver­än­de­rung der Sicht­wei­se eines Men­schen auf sich selbst, das Leben und die Rea­li­tät. Auch geht es dar­um, zu erken­nen, über was er/ sie sich defi­niert und/ oder iden­ti­fi­ziert. Zudem ist es wich­tig, die eige­nen inne­ren Zie­le, die einen Men­schen unbe­wusst antrei­ben, kla­rer zu sehen und ins­be­son­de­re Ver­hal­tens­wei­sen und reak­ti­ve Mus­ter im Kon­takt mit ande­ren Men­schen zu erken­nen und zu begreifen.

Letzt­lich geht es um das Wis­sen tief ver­wur­zel­ter Glau­bens­sät­ze und Hal­tun­gen gegen­über der Umge­bung – vor allem aber auch gegen­über der eige­nen Per­son. Ziel der Kon­tem­pla­ti­ven Kom­mu­ni­ka­ti­ons­the­ra­pie soll daher sein, mehr Klar­heit über all die­se Mecha­nis­men zu erlan­gen. Denn in der Erkennt­nis der eige­nen Struk­tur ent­fal­tet der Mensch viel mehr Mög­lich­kei­ten frei­er, bewuss­ter, kla­rer und wahr­haf­ti­ger zu ent­schei­den. Der Mensch beginnt, leben­dig zu sein und auf­rich­tig zu leben – anstatt ein­fach nur zu „exis­tie­ren“.

Mein per­sön­li­cher Zugang

Doch, was bedeu­tet das kon­kret? Für mich hat sich wäh­rend mei­ner mehr­jäh­ri­gen, umfang­rei­chen Aus­bil­dung ein rie­sen­gro­ßer Raum an Ein­sich­ten, Ver­ständ­nis für mich als Per­son, sowie das Mensch­sein an sich geöffnet.

In einer über­aus schwie­ri­gen Pha­se mei­nes Lebens, hat sich eine sta­bi­le, inne­re Klar­heit ein­ge­stellt; der Blick auf mein Leben und mei­ne Bezie­hun­gen wei­te­te sich und die wirk­lich tie­fen Absich­ten und Zie­le mei­nes Lebens schäl­ten sich her­aus. Heu­te kann ich sagen, dass mein Leben plötz­lich buch­stäb­lich in Ord­nung war. Wobei, ganz so plötz­lich tra­ten die­se Ver­än­de­run­gen natür­lich nicht ein – doch es füg­te sich alles, sodass ich mit mir in Ein­klang kom­men konn­te. In der Mit­te mei­nes Lebens lern­te ich, mich anzu­neh­men: Zum ers­ten Mal durf­te ich die Erfah­rung machen, dass alles rich­tig und gut ist! Die­ses grund­le­gen­de Erle­ben von Ich bin in Ord­nung! Mein Leben ist gut! Ich füh­le mich geliebt und ange­nom­men! Und auch, Ich habe die Wahl, mein Leben so zu gestal­ten, wie es für mich rich­tig, schön, wahr und gut ist, begrün­det seit­her nahe­zu unver­rück­bar mei­ne Lebensgrundlage!

Auch auf mei­ne Arbeit hat­te die­se neue inne­re Ord­nung fun­da­men­ta­le Auswirkungen.

Die Her­an­ge­hens­wei­se an die Kern­fra­gen des Krank­wer­dens bzw. des Krank­seins hat mich umfas­send erken­nen las­sen, wie Genesung/ Gesun­dung mög­lich ist. Es hat mich auch ver­ste­hen las­sen, wie sich der Mensch selbst hei­len kann. Dies bezieht sich nicht nur aus­schließ­lich auf die Aspek­te des Heil­wer­dens des Kör­pers. Die­se Metho­de ist auch in all den ande­ren Berei­chen mensch­li­chen Lebens und Seins wirk­sam, wo Ord­nung, Hei­lung und Klar­heit, Ver­ste­hen, Wachs­tum und Hin­ga­be not­wen­dig und erwünscht sind.

…end­lich das rich­ti­ge Handwerkszeug!

Das wirk­lich Beson­de­re aber ist, dass mir die­se Metho­de ein Werk­zeug an die Hand gibt, dass es mir mög­lich macht, mich in einem wert­frei­en Raum, mit den rich­ti­gen Fragen ver­trau­ens­voll den Men­schen zuzu­wen­den, die zu mir in die Pra­xis kom­men. Die „rich­ti­gen“ Fragen erlau­ben einen Zugang zum Kon­flikt oder der Grund­the­ma­tik hin­ter einer Erkran­kung oder einem Krankheitssymptom.

Mein jahr­zehn­te­lan­ger Erfah­rungs­schatz aus ganz­heit­li­cher sowie ärzt­li­cher Aus­bil­dung, in Kom­bi­na­ti­on mit der tief­grei­fen­den Arbeit an mir selbst als Mensch, eröff­net auch mei­nen Patient*innen und Klient*innen einen Raum, in dem sie sich erkun­den, erken­nen, sel­ber fin­den und schließ­lich ver­ste­hen, wie sie hei­len können.